Früher diente mein Schlund als ungebremste Einfallstraße für hochkalorischen Schrott. Der Brennwert meiner Nahrung interessierte mich so sehr wie die Betriebsanleitung einer Kaffeemaschine – gar nicht. Hauptsache die Masse füllte das gähnende Loch in der Mitte. Viel Fett, viel Zucker, wenig Fragen. Brennwerttabellen existierten in meiner Welt nicht. Hunger fungierte als diffuser Befehl, den die Mechanik meines Körpers mit der stumpfen Einlagerung von Notreserven beantwortete. Heute betrachte ich Makronährstoffe als präzise Bauteile einer Maschine, deren Betriebsanleitung ich endlich mühsam zu entziffern versuche.
Protein sind harte arbeit
Proteinketten – um mal irgendwo zu beginnen – gleichen massiven Ankerketten auf einem Schiffsfriedhof. Mit biochemischen Schneidbrennern rücken Enzyme als unterbezahlte Tagelöhner an, um diese widerspenstigen Verbindungen mühsam zu kappen. Diese Demontage fordert eine logistische Materialschlacht im Inneren. Systemischer Schweiß fließt bei der Zerstörung der Moleküle. Erst kontrollierte Gewaltanwendung setzt die benötigten Aminosäuren frei.
Keine Energie ohne Adenosintriphosphat
Nach der rauen Trennung strömen die gewonnenen Einzelteile in das zirkulierende Ersatzteillager. Mein Organismus nutzt diese Bausteine für die Instandhaltung der Infrastruktur. Er flickt gerissene Muskelfasern, schmiedet Enzyme und stabilisiert die allgemeine Statik. Was die Bauleitung nicht sofort abruft, landet in der thermischen Verwertung. Überschüssigen Stickstoff presst das System als toxischen Sondermüll durch die Nierenfiltration. In den zellulären Kraftwerken jagt der Reaktor den Rest durch die molekulare Turbine. Hier entsteht ATP – das biochemische Schwarzgeld für jede Kontraktion und jeden Gedanken. Ohne diesen reinen Treibstoff mit dem sperrigen Namen „Adenosintriphosphat“ kollabiert die ganze Anlage. Diese Synthese findet ständig statt, auch wenn ich schlafe. ATP-Moleküle können nicht dauerhaft gespeichert werden und müssen vom Körper just-in-time bereitgestellt werden. Mangelt es an Last, schichtet das System die Überschüsse dennoch lieber wieder in die Fett-Depots um. Der Organismus verweigert die Mobilisierung der Fettreserven ohne akuten Notstand. „Not“ bedeutet bei mir heute glücklicherweise ein gemächlicher 10 km Stadtlauf statt einer Hungersnot.
Ich essen keine Schnitzel. Ich betreibe Thermogenese.
Nahrungsinduzierte Thermogenese nennt die Wissenschaft diesen Prozess am Anfang – ich investiere Energie, um Energie zu gewinnen. Es ist wie ein Investment mit dreißig Prozent Bearbeitungsgebühr. Der Körper verfeuert beim Verstoffwechseln von Eiweiß einen beachtlichen Teil der Kalorien direkt wieder als Abwärme. Ein Schnitzel ist thermodynamisch betrachtet eine herrlich leckere, wie auch ineffiziente Heizung. Genau diese Ineffizienz stützt meine aktuelle Statik. Protein sättigt nicht durch Magie, sondern durch harte biochemische Knochenarbeit.
Kohlenhydrate hingegen schießen beinahe ungefiltert ins System. Sie peitschen den Insulinspiegel hoch – die Hormon-Türsteher riegeln sofort die Zugänge zu den Fett-Depots ab. Früher dienten nahrhafte Teigwaren aus Weißmehl als billiger Klebstoff für meine Arterien. Jetzt sehe ich in ihnen nur noch Glykogenspeicher, die bei einer Pace von 6:30 auf dem Asphalt verpuffen sollten. Ohne Bewegung verrotten sie als Glykogen in den Muskeln oder wandern direkt in die viszerale Last am Bauch.
Was ist mit Fett?
Fett fungiert als der effizienteste Energielieferant. Jedes Gramm dieses Stoffs schleppt neun Kilokalorien an Energie mit sich – das ist mehr als das Doppelte im Vergleich zu Protein oder Kohlenhydraten, die nur mit knapp vier Kilokalorien pro Gramm zu Buche schlagen. Während Protein durch die Thermogenese schrumpft, landet Fett fast gebührenfrei auf den Rippen. Der thermische Effekt liegt bei nahezu null. Das System schluckt das Konzentrat ohne nennenswerten Widerstand. Es gleitet reibungslos in die Depots, ohne dass der Reaktor dabei nennenswerte Abwärme erzeugt. In der 160-Kilo-Zeit akkumulierte ich diese passiven Speicher ohne jede Gegenwehr. Fettgewebe verbraucht im Ruhezustand fast keine Kapazität. Es ist tote Last, die nur existiert, um die Schwerkraft zu füttern.
Daten bilden das einzige Fundament, dem ich vertraue. Das Handy (und nun meine App “Kennwert”) protokolliert den Kalorienumsatz, die Waage den Erfolg dieser Unternehmung. Emotionen trügen, aber die Zahlen sprechen die Wahrheit – wenn auch manchmal eine unbequeme. Abnehmen erfordert kein Schicksal, keine Wunderpille und keine mystische Erleuchtung. Es braucht nur eine angemessene Bilanzierung der Makros. Seit 2,5 Jahren steuere ich meine Makros, statt mich von ihnen steuern zu lassen. Ich esse bewusst Proteine, pflanzliche wie tierische. Und ja: Gelegentlich landet eine Tonno-Pizza als kalkulierter Fremdkörper im System. Mit dem extra Protein-Perk durch den Fisch ist das vertretbar. Rede ich mir ein. Und es ist so schön fettig. Ich lieb’s.
Bild von Mariakray auf Pixabay
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