Startseite » Das Phantomschwergewicht im Spiegel

Manchmal – etwa wenn ich abgelenkt von Gedanken an leckeren Dingen bin, oder im Kopf noch den letzten Longrun verarbeite  – rammen meine Schultern den Türrahmen. Nicht, weil ich ungeschickt bin, oder nicht nur, sondern eher, weil mein Kopf noch nicht automatisch die neuen Dimensionen meines Körpers in den durch 50 Lebensjahren geschliffenen Automatismen aufgenommen hat. 

So kalkuliere nur immer noch mit einem Radius, den ich gar nicht mehr besitze. In meinem Kopf bin ich ein Schwertransport, der versucht, durch eine Parkhaus-Einfahrt zu manövrieren. Das Gehirn ist ein konservativer Beamter; es hat die neuen Daten zwar erhalten, aber der Stempel auf der Genehmigung für das neue Körpergefühl fehlt noch.

Sechzig Kilo sind weg. Ein ganzer Mensch, einfach wegradiert. Die Smartwatch liefert mir die Beweise in Form von kalten, blauen Ringen und Kurven, die steiler abfallen als meine Laune an einem Montagmorgen. Die Technik lügt nicht, sie hat keine Gefühle. Mein Spiegelbild hingegen ist ein unzuverlässiger Zeuge. Es orientiert sich ohnehin nur allzu gerne an Unstimmigkeiten und hängt sich liebend gerne daran auf.

Wenn ich an Schaufenstern vorbeigehe, erwarte ich den Anblick eines Mannes, der den Bürgersteig dominiert. Nicht durch Präsenz, sondern durch schiere Masse. Stattdessen reflektiert das Glas jemanden, den ich kaum kenne. Ich sehe hin und suche den Rettungsring, das Doppelkinn, die panische Angst davor, dass der Stoff meines Hemdes die Kapitulation erklärt. Nichts davon ist da. Aber die Scham ist ein zähes Biest. Sie hat sich in die Synapsen gefressen und wartet dort darauf, dass ich wieder versage.

In Restaurants scanne ich die Bestuhlung. Ein kurzer Blick, ein physikalisches Gutachten in Millisekunden: Hält das Aluminium des Schwingstuhls? Werde ich beim Aufstehen den Tisch mitreißen? Ist zwischen Stuhl und Tisch ausreichend Platz? Diese Paranoia ist mein treuester Begleiter. Ich nehme jetzt weniger Raum ein, fühle mich aber oft noch wie der Elefant im Porzellanladen – nur dass der Elefant jetzt eher eingebildet ist, aber in meiner Vorstellung mindestens genauso nervig ist, wie dieser fürchterliche Dickhäuter namens Benjamin.  Töröööö!!!

Man nennt das wohl Veränderung. Ich nenne es eine tägliche Vermessung des Unfassbaren. Ich bin noch nicht fertig mit dem Typen von früher. Wir teilen uns ein Gehirn, aber wir passen nicht mehr in dieselbe Hose. Das ist kein Triumphzug, das ist eine laufende Revision. Gott allein weiß, wann mein Kopf endlich aufhört, nach dem fehlenden Gewicht zu suchen. Wahrscheinlich erst, wenn der Schweiß der nächsten zehn Kilometer die restlichen Zweifel aus den Poren spült.




Bild von Christine Sponchia auf Pixabay


Entdecke mehr von Leicht gesagt!

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Related Posts

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.