Startseite » Die Nachtschicht

Ich habe jahrelang geschlafen wie ein Dieselmotor im Leerlauf. Laut, unökonomisch und mit einer Abgasbilanz, die jedem Umweltgutachter die Tränen in die Augen getrieben hätte. Mein Schnarchen war kein Geräusch, es war ein Ereignis. Eine akustische Naturgewalt, die Wände vibrieren ließ und kleine Haustiere in Deckung trieb. Wer neben mir lag, brauchte entweder Ohrstöpsel oder eine Lebensversicherung. Oder beides.

Schlaf war für mich keine Erholung, sondern eine Art Betriebsunfall in Zeitlupe. Der Körper legte sich hin, aber Ruhe fand da unten nichts. 160 Kilo auf einer Matratze, das ist wie ein Containerschiff im Trockendock: Es liegt da, aber irgendetwas ächzt immer. Die Atemwege, eingequetscht zwischen Kinn und Brustkorb, verhandelten jede Nacht aufs Neue über Durchlassrechte. Manchmal gewannen sie. Manchmal nicht. Dazwischen lag ein Spektrum aus Röcheln, Schnarchen und Atemaussetzern, das sich anhörte, als würde jemand eine Motorsäge in einer Badewanne starten. Ich habe es natürlich nicht gehört. Es gibt aber Zeugen, die auf dieses Bild hartnäckigst bestehen und vehement darauf hinweisen, wenn nicht sogar ihr erstgeborenen Sprössling darauf verwetten, dass es sich in etwa so angehört hat.

Magensäure um drei Uhr morgens

Und dann der Reflux. Wer nie nachts mit brennender Speiseröhre aufgewacht ist, kennt ein bestimmtes Gefühl nicht: Die Gewissheit, dass der eigene Magen beschlossen hat, eine Gegenoffensive zu starten. Nicht aus Bosheit, sondern weil die Schwerkraft und 160 Kilo einfach keine guten Verbündeten sind, wenn man horizontal liegt. Der Mageninhalt suchte sich seinen Weg nach oben wie Grundwasser in einem schlecht abgedichteten Keller. Keine Dramatik, nur Physik. Aber eine ausgesprochen ätzende.

Das Ergebnis: Aufwachen um drei Uhr, Oberkörper hochlagern, warten, bis die Chemie sich beruhigt hat. Danach wieder einschlafen, falls das Schnarchen nicht schon das nächste Kapitel aufschlug. Morgens dann das Gefühl, nicht geschlafen, sondern eine Nachtschicht in einer schlecht belüfteten Fabrik absolviert zu haben. Der Wecker war keine Erlösung, sondern eine Schichthupe. Und der Tag begann mit einem Körper, der sich anfühlte, als hätte ihn jemand über Nacht mit Sand gefüllt.

Der schleichende Umbau

Irgendwann – ich kann nicht genau sagen, wann – wurde es besser. Nicht von einem Tag auf den anderen, nicht wie ein Schalter, der umgelegt wird. Eher wie eine Tür, die jemand zentimeterweise öffnet, bis man irgendwann merkt: Da kommt Licht rein.

Die ersten Anzeichen waren subtil. Ich wachte seltener auf. Nicht null Mal, aber statt drei Mal nur noch einmal. Dann gar nicht mehr. Der Reflux verschwand schleichend, als hätte jemand den Keller endlich richtig abgedichtet. Irgendwann lag ich nachts einfach da, und nichts brannte, nichts röchelte, nichts verhandelte. Nur Stille. Eine Stille, die ich jahrelang nicht kannte und die mich anfangs fast misstrauisch machte. Als würde der Körper heimlich etwas planen.

Das Schnarchen wurde leiser, dann sporadisch, dann selten. Meine Atemwege, diese chronisch unterbezahlten Verhandlungspartner, hatten plötzlich Platz. Luft strömte ein und aus, ohne Widerstand, ohne Soundtrack. Die Motorsäge in der Badewanne wurde stillgelegt. Nicht durch ein Wunder, sondern durch simple Mechanik: Weniger Masse um den Hals herum bedeutet weniger Druck auf die Luftröhre. Kein Geheimnis, nur Physik. Diesmal eine freundliche.

Tiefschlaf als Neuentdeckung

Was mich am meisten überraschte, war der Tiefschlaf. Nicht als Konzept – ich wusste, dass es ihn gibt. Aber als Erfahrung. Die Smartwatch zeigte mir irgendwann Werte, die ich für Messfehler hielt. Zwei Stunden Tiefschlaf? Drei? Bei mir? Der Typ, dessen Schlafprofil bisher aussah wie die Fieberkurve eines Hamsters? Ich dachte, das Ding ist kaputt. War es aber nicht. Mein Körper hatte einfach angefangen, nachts tatsächlich zu reparieren, statt nur zu verwalten.

Tiefschlaf ist die Werkstatt, in der der Körper Dinge erledigt, von denen man tagsüber nichts mitbekommt. Muskelregeneration, Hormonausschüttung, Immunabwehr, die ganze Nachtschicht der Biologie. Nur dass diese Nachtschicht bei mir jahrelang ausgefallen war, weil die Fabrik mit Bestandsverwaltung von 160 Kilo bereits vollständig ausgelastet war. Jetzt, wo das Lager schrumpft, hat die Crew endlich Zeit für die eigentliche Arbeit.

Morgens ohne Sand

Der deutlichste Unterschied zeigt sich morgens. Der Wecker klingelt, und ich stehe auf. Einfach so. Kein zehnminütiges Verhandeln mit der Snooze-Taste. Also ich meine, nicht mehr JEDEN Tag. Kein Gefühl, als hätte mir jemand über Nacht Zement in die Gelenke gegossen. Der Körper fährt hoch, nicht wie ein alter Windows-Rechner mit zwanzig Hintergrundprozessen, sondern halbwegs direkt. Nicht perfekt, ich bin kein Morgenmensch und werde auch keiner. Aber der Unterschied zwischen dem Aufstehen von damals und dem Aufstehen von heute ist ungefähr so groß wie der zwischen einem Kaltstart im Januar und einem lauen Frühlingsmorgen.

Und das Verrückte ist: Ich habe nie aktiv etwas für meinen Schlaf getan. Kein Schlafhygiene-Programm, keine Melatonin-Tropfen, kein Lavendelkissen. Ich habe abgenommen, und der Schlaf hat sich von allein repariert. Als hätte die ganze Maschine nur darauf gewartet, dass jemand endlich die Überlast von der Achse nimmt.

Ich schlafe jetzt. Richtig. Nicht perfekt, nicht immer, aber so, wie Schlaf vermutlich gemeint war: als Pause, nicht als zweite Schicht. Und wenn ich morgens aufstehe und der Körper sich anfühlt, als gehöre er mir und nicht einem übermüdeten Schwertransporter – dann ist das vielleicht der leiseste und unterschätzteste Gewinn dieser ganzen Unternehmung.




Bild von bichvn auf Pixabay


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