Mein linker Fuß hat gekündigt. Nicht schriftlich, nicht fristgerecht, sondern mitten im Betrieb. Ein stechender Einspruch der Plantarfaszie, jener Sehnenplatte, die sich offenbar als letzte Bastion der Arbeiter, also als Quasi-Gewerkschaft im Bewegungsapparat, versteht. Sie hat die Arbeit niedergelegt und die Verhandlungen für gescheitert erklärt. Laufen? Gestrichen. Bis auf Weiteres.
Ich stehe also am Fenster und schaue auf die Straße, die sonst meine Laufstrecke ist. Sie liegt da wie ein Versprechen, das jemand anderes einlösen darf. Irgendein Typ joggt vorbei. Er grüßt. Ich grüße zurück und unterdrücke den Impuls, ihm meine komplette Verletzungshistorie durch die Scheibe zu brüllen.
Aber der Kopf. Der verdammte Kopf.
Mein Prinzip ist simpel und unnachgiebig: Keine Belastung unter Schmerz. Kein „wird schon gehen“, kein „nur eine kurze Runde“, kein heroisches Durchbeißen. Ich habe über sechzig Kilo abgenommen, indem ich auf meinen Körper gehört habe. Jetzt, wo er mir etwas Unangenehmes sagt, werde ich nicht plötzlich taub.
Der hat nämlich eigene Vorstellungen. Er rechnet. Drei Läufe pro Woche, je zehn Kilometer, macht dreißig Kilometer, macht rund 3000 Kilokalorien Umsatz, die jetzt einfach wegfallen. Die Tabellenkalkulation im Oberstübchen läuft auf Hochtouren, während der Bewegungsapparat im Stillstand verharrt. Das Defizit schrumpft. Die Ringe auf der Smartwatch bleiben offen wie unbeantwortete Briefe. Die App zeigt eine Laufpause an, als wäre das eine persönliche Beleidigung. Und irgendwo im Hinterkopf meldet sich der konservative Beamte aus der Körperbild-Abteilung und fragt, ob er schon mal den Stempel für die alten Hosengrößen raussuchen soll. Und die Fußsohle nörgelt.
Die Chemie der Leere
Was niemand erzählt, wenn man mit dem Laufen anfängt: Es macht süchtig. Nicht auf die plakative Instagram-Art mit Motivationssprüchen über Sonnenaufgängen. Sondern biochemisch. Der Körper gewöhnt sich an die Endorphinausschüttung nach Kilometer sieben. An das Dopamin, wenn die Uhr eine neue Bestzeit anzeigt. An das satte Gefühl abends, wenn die Beine schwer sind und der Kopf endlich leise.
Jetzt ist Sendepause. Kein Runner’s High, kein Nachglühen, kein Feierabendbier für die Synapsen. Stattdessen Unruhe. Ein diffuses Summen im System, das nach Entladung verlangt. Ich tigere durch die Wohnung wie ein Hund, dem man die Leine zeigt und dann wieder wegpackt. Mein Körper hat Energie, die nirgendwohin kann. Der Reaktor läuft, aber die Turbine steht still.
Ich habe im Internet recherchiert. Das war ein Fehler. Denn das Internet kennt bei Plantarfasziitis nur zwei Modi: „In sechs Wochen wieder fit!“ oder „Chronisch, auf Lebenszeit, du wirst nie wieder laufen.“ Dazwischen existiert nichts. Kein Graubereich, keine Nuance, nur Panik oder Verharmlosung.
Morgen geht’s zum Arzt. Dann schauen wir weiter….
Bild von (El Caminante) auf Pixabay
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