Drei Bewegungsformen habe ich probiert, bevor klar wurde: Laufen war nicht meine Wahl. Laufen war der Rest.
Das erste Vorstellungsgespräch fand im Yoga-Studio statt. Duftkerzen, Dielen, eine Lehrerin mit leiser Stimme. Die Matte lag bereit wie ein Lebenslauf. Herabschauender Hund, hieß es. Der Blick ging nach unten, nicht elegant. Die Bauchfalte klemmte zwischen Brustbein und Oberschenkel wie ein zu dicker Umschlag im zu schmalen Briefkasten. Die Lehrerin lächelte ermutigend. Zurücklächeln, Nasenatmung, irgendwann Klarheit: Die Probezeit läuft gegen mich. Nach der dritten Stunde kam keine schriftliche Absage. Nur das Schweigen einer Matte, die nicht mehr aufgerollt wurde.
Die zweite Bewerbung war das Schwimmbad. Morgens, halb sieben, Chlor und Hallenlicht. Das Wasser empfing mich höflich, wie jeder gute Arbeitgeber am ersten Tag. Die erste Bahn ging gut. Die zweite auch. Bei der dritten begann das Wasser, Fragen zu stellen. Kraultechnik? Atemrhythmus? Kann der Bewerber das Becken ohne Keuchen queren? Der Bewerber konnte nicht. Zwischen den Bahnen hing ich am Rand, und der Rand fühlte sich stabiler an als die Bewegung. Eine Frau in gelber Badekappe zog an mir vorbei, mit der ruhigen Gleichförmigkeit eines Menschen, der das Wasser kennt und es ihn. Nickte ihr zu wie einem Kollegen, der gerade befördert wurde. Nach einer Woche war die Probezeit vorbei. Freundliche Absage, keine Begründung nötig.
Das Fahrrad. Dritte Bewerbung. Hier war ich sicher: Sattel drauf, Pedale drehen, Kindheitserinnerung abrufen. Der Sattel hatte andere Pläne. Der Sattel und ich, wir kamen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Nach zehn Kilometern sprach mein Steißbein eine klare Sprache, und die Sprache war: nein. Der Helm rutschte, die Gänge rasteten widerwillig. Ein fremder Radler grüßte so kurz angebunden, als hätte ich seinen Dresscode verletzt. Zwei Jahre stand das Rad im Keller. Dann kam der Blick meiner Frau, der sagte: entweder fährst du oder verkaufst du. Ich verkaufte.
Das ist kein Bewerbungsversagen. Das ist Marktforschung in eigener Sache. Jede Sportart, die liegengeblieben ist, hat eine Information geliefert: über meinen Rhythmus, meine Geduld, meine Art, mit einem Körper umzugehen, der lange nicht gefragt worden war, was er will. Yoga wollte eine Ruhe, die nicht da war. Schwimmen wollte eine Technik, die nicht gelernt werden mochte. Das Fahrrad wollte einen Hintern, der nie bereit war. Drei Absagen, drei Erkenntnisse. Man kann das Scheitern nennen oder Auswahlverfahren. Im Nachhinein klingt Zweites besser.
Eine Zeitlang hat mich das geärgert. Die Werbebilder zeigen schließlich, wie Menschen die Reihe durchmachen, Yoga am Morgen, Fahrrad zur Arbeit, abends ins Becken. Als wäre das Alter dreifach bewegungsfähig und die Disziplin käuflich. Bei mir klappte keiner der drei Termine. Das hat eine Weile an der Überzeugung gekratzt, bei der Sache zu sein. Irgendwann wurde daraus die ruhigere Frage: Wenn nur eine Tür aufgeht, ist das dann zu wenig? Oder genau richtig?
Laufen hat mich irgendwann genommen, fast wie aus Verlegenheit. Kein Vorstellungsgespräch, kein Dresscode, keine Ausrüstung außer Schuhen und der Bereitschaft, die Haustür hinter sich zuzuziehen. Die Schwelle war niedrig, und niedrige Schwellen sind für einen Körper über hundert Kilo keine Kleinigkeit. Laufen hat keine Probezeit. Es gibt dir die Arbeit und sieht zu, wie du sie machst. Wenn du sie schlecht machst, läuft es trotzdem mit dir. Vielleicht der Unterschied.
Manchmal denke ich, der Rest hat mich gefunden, nicht umgekehrt. Die Matte liegt zusammengerollt auf einem Regal. Das Schwimmbad sehe ich, wenn ich vorbeijogge. Das Fahrrad gehört einem Nachbarn, der es besser bedient. Und ich laufe weiter. Der Rest war genug.
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