Startseite » Der Controller am Handgelenk
Glowing sphere of floating numbers in a futuristic industrial setting

Sieben Uhr zwanzig, Küchentisch. Die Waage piept. Die Uhr piept. Das Handy liegt daneben und piept noch ein drittes Mal, weil die Kalorien-App den Tag eröffnet wissen will. Drei Geräte, drei Zahlen, ein Mensch im Jogginganzug. Der Kaffee wartet.

Eigentlich ist das Verhältnis klar. Die Zahlen sollten mir helfen. Dann fingen sie an, mich zu regieren.

Vor zwei Jahren lag die Waage im Bad und hatte einen Job. Einmal pro Woche drauf, Zahl lesen, fertig. Die Uhr am Handgelenk war eine Uhr. Inzwischen ist sie ein Controller. Sie führt Buch. Schritte, Puls, Schlaf, Stress, irgendeinen Wert, den sie Body Battery nennt, als sei mein Körper ein Handy-Akku mit schwächelnder Bedarfsprognose. Die App auf dem Telefon legt eine Parallelakte an. Die Waage schickt ihre Daten in die Cloud, wo ein viertes Gerät, von dem ich nichts weiß, Diagramme zeichnet. Jemand kennt mein Gewicht besser als meine Frau.

Dann kam der Abend, an dem die Uhr 1.947 Kalorien Verbrauch meldete und die App 2.103. Ein Unterschied, der niemanden interessieren müsste. Der Kaffee war noch heiß. Ich saß am Tisch und las Forenbeiträge. Welcher Algorithmus rechnet genauer. Wo wird die Herzfrequenz überbewertet. Irgendwann stand ich auf, um kurz auf Toilette zu gehen, und überlegte beim Händewaschen, ob ich die Uhr mitnehme, damit die zwölf Schritte nicht unter den Tisch fallen.

Da habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr abnehme. Ich verwalte mich.

Buchhaltung ist eine ehrbare Tätigkeit. Sie hält Ordnung in Dingen, die sonst auseinanderlaufen. Das Problem beginnt, wenn der Buchhalter anfängt, wichtiger zu werden als das Geschäft, das er abbildet. Wenn die Bilanz zum Selbstzweck wird. Wenn man abends nicht mehr fragt, ob der Tag gut war, sondern ob die Tabelle stimmt. Und dann die nächste Stufe. Man schönt die Tabelle, weil eine rote Zeile sich anfühlt wie eine schlechte Note. Ein paar Schritte auf der Stelle, damit die Zehntausend voll werden. Einen halben Apfel nicht notieren, weil er die Mittagsbilanz kippt. Ein Spaziergang abends, nicht weil mir nach Luft ist, sondern weil der grüne Ring sich noch nicht geschlossen hat.

Kein einzelner Moment war alarmierend. Das ist das Tückische. Es gibt kein Piepen für dieses Piepen. Der Controller im eigenen Kopf hat keinen Feierabend, und er meldet sich auch nicht, wenn er zu viele Überstunden schiebt. Er ist stolz auf sich. Abends legt er die Akte oben auf den Stapel und wartet auf morgen.

Gestern habe ich eine der Apps gelöscht. Nicht alle. Eine. Die, die mir jeden Abend anzeigte, wie viel Prozent ich meiner Tagesziele erreicht hatte, in einem grünen Ring, der zuklappte wie ein Aktendeckel. Der Rest bleibt erst mal. Die Waage, die Uhr, die Kalorien-App. Eine davon werde ich wahrscheinlich noch loswerden, irgendwann. Vielleicht auch nicht. Die Frage ist nicht, ob ich Zahlen brauche. Die Frage ist, wer die Sitzung leitet.

Heute morgen hat die Waage gepiept. Die Uhr hat geschwiegen, weil sie noch lädt. Der Kaffee war heiß. Und zum ersten Mal seit Wochen bin ich losgelaufen, ohne vorher zu prüfen, ob es der Bilanz auch recht ist.


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