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Person weighing themselves on digital scale in colorful room

Was ich nicht abgenommen habe

Heute Morgen stand ich auf der Waage. Die Zahl war gut. Besser als gut, eigentlich. Eine Zahl, die ich mir vor zwei Jahren nicht mal als Zielgewicht aufgeschrieben hätte, weil sie zu optimistisch klang. Dann stieg ich runter, stellte die Waage zurück an die Wand, und da war es wieder: dieses Gewicht auf den Schultern, das keine Zahl hat. Ein Rucksack, den ich morgens anziehe, obwohl ich nirgends hinwandere.

Fünfzig Kilo weniger. Das ist ein halber Mensch. So viel, wie mein Rucksack früher nie gewogen hat, selbst vollgepackt. Weg. Einfach weg. Aber der Rucksack ist nicht leer. Er hat Fächer, die ich erst jetzt bemerke, weil obendrauf so lange die Kilos lagen, dass ich nie tiefer gegraben habe.

Da ist zum Beispiel die Angst. Nicht die vor dem Wiegen — die habe ich gezähmt. Sondern die, dass alles zurückkommt. Dass ich eines Morgens aufwache und die Waage wieder dreistellig blinkt. Diese Angst sitzt in einem Fach ganz unten, gut gepolstert, und sie wird nicht leichter, nur weil die Zahl oben stimmt. Manchmal spüre ich sie im Supermarkt, wenn ich an der Tiefkühlpizza vorbeigehe. Nicht als Verlangen. Als Erinnerung an eine Version von mir, die drei davon an einem Abend geschafft hat.

Und dann die Scham. Die von damals. Die sich eingenistet hat wie ein Geruch in alten Polstern. Nicht die Scham über das Gewicht — die war laut und ist mit den Kilos leiser geworden. Sondern die über Momente, die geblieben sind. Der Stuhl, der unter mir geknackt hat. Der Flugzeugsitz, in dem ich den Gurt nicht zubekam. Die Blicke im Freibad. Die Kilos sind weg, aber die Szenen laufen weiter, irgendwo im Hinterkopf, auf Wiederholung.

Niemand hat mir gesagt, dass der Rucksack Fächer hat, an die man mit Joggen nicht rankommt. Die physischen Kilos lagen griffbereit, ganz oben. Dreißig Minuten laufen, Kaloriendefizit, Geduld — irgendwann greift man hin und es wird leichter. Aber darunter liegt Zeug, das nicht auf Betriebstemperatur reagiert. Das Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper, der jahrelang jedes Stück Kuchen in Speck umgerechnet hat. Die Gewohnheit, einen Raum zu betreten und sofort nach dem breitesten Stuhl zu suchen. Das mache ich immer noch. Der Stuhl ist längst egal, aber der Blick ist geblieben.

Und da ist noch etwas, das schwerer wiegt als Angst und Scham zusammen: die Überzeugung, dass der Körper ein Gegner ist. Jahrelang habe ich gegen ihn gearbeitet. Gegen seinen Hunger. Gegen seine Trägheit. Gegen seine Vorliebe für Käsespätzle um Mitternacht. Jetzt, wo die Kilos weg sind, merke ich, dass ich den Waffenstillstand zwar unterschrieben habe, aber immer noch bewaffnet durch die Küche laufe. Jede Mahlzeit ein kleines Tribunal: Darf ich das? Ist das zu viel? Wird der Körper das gegen mich verwenden? Irgendwo zwischen Kalorienzählen und Intuition hat sich eine Wachsamkeit eingenistet, die nicht müde wird.

Irgendwann habe ich aufgehört, den Rucksack loswerden zu wollen. Nicht aus Aufgabe, sondern weil man an einem Reißverschluss, der klemmt, nicht ewig zerren kann. Stattdessen habe ich angefangen, umzupacken. Die Angst nicht kleinreden, sondern ihr einen Platz geben, wo sie nicht bei jeder Bewegung gegen die Rippen drückt. Die Scham nicht wegschieben, sondern hinnehmen, dass sie mitreist. Die Wachsamkeit in der Küche nicht abstellen — aber ihr den Rang eines Beraters geben statt den eines Richters. Nicht leerer machen. Besser sortieren.

Es klingt nach wenig. Ist es vielleicht auch. Aber es ist der Unterschied zwischen einem Rucksack, der mich nach unten zieht, und einem, der einfach da ist. Morgens aufstehen, Rucksack auf. Leichter als letztes Jahr. Immer noch nicht leer. Aber die Riemen sitzen besser, und die Schultern haben gelernt, dass nicht jedes Gewicht auf die Waage muss, um real zu sein.


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