Ein Stück Schokolade, halb neun abends, Küchenlicht. Die Hand kennt den Weg in den Schrank auswendig. Der Biss ist routiniert. Und er ist falsch.
Nicht ekelhaft. Falsch. Als hätte jemand den Schlüssel getauscht, während ich weg war. Das Irritierende ist nicht die Meldung der Zunge. Das Irritierende ist, dass parallel eine zweite Meldung läuft. Eine ältere. Die kennt diese Schokolade gut, sie hat Jahrzehnte mit ihr verbracht, sie erinnert sich, wie tröstlich das war und wie unverzichtbar an schlechten Tagen. Diese Meldung zieht nicht um, nur weil die erste jetzt was anderes sagt.
Zwei Systeme, derselbe Kopf, gleichzeitig aktiv, und sie widersprechen sich höflich. Das ist der Moment, der mich an der Küchenzeile festhält.
Der Körper hat umgeschult. Das Gedächtnis nicht. Das Archiv im Kopf wird nicht aktualisiert, wenn die Fabrik umbaut. Da liegen noch Erinnerungen an Schokoladeneis auf dem Heimweg von der Grundschule. An die Tafel nach Feierabend, spät, müde, verdient gefühlt. An Ostersonntage mit zu viel von allem. Diese Erinnerungen sind nicht überschrieben. Sie laufen weiter, als hätte niemand sie abgestellt.
Und wenn die Hand zum Schrank greift, ruft sie dieses Archiv auf. Nicht die Zunge von heute. Die Meldungen von damals.
Genuss war nie Eigentum. Kein Besitz, den man weglegt und später abruft. Genuss war immer ein Verhältnis zwischen Zunge, Körper, Situation, Erwartung. Ändert sich eins davon, ändert sich alles. Mein Körper hat sich geändert. Also ändert sich das Verhältnis. Ohne Rückfrage.
Das Seltsame ist: Die Erinnerung bleibt abrufbar. Der Geschmack von damals ist im Kopf präziser als das, was ich jetzt im Mund habe. Wie alte Fotos, die echter wirken als das Jetzt. Die Schokolade auf der Zunge ist heute. Die Schokolade im Kopf ist 2015. Beide existieren, nur eine davon lässt sich essen.
Das ist kein Verlust, den man betrauern müsste. Es ist ein Fach im Gedächtnis, in das man lange nicht mehr greift. Der Inhalt liegt noch darin. Er wird nicht weniger, nur weil man ihn nicht mehr braucht.
Ich lege die Schokolade zurück. Nicht aus Disziplin, nicht aus Triumph, nicht weil irgendein innerer Trainer pfeift. Einfach weil sie nicht mehr das ist, was sie mal war. Die Tafel da im Schrank bedient eine Version von mir, die die Zunge nicht mehr kennt. Der Kopf schon. Das reicht.
Vielleicht ist das die leiseste Form von Veränderung. Nicht mit Fanfare. Nicht mit Willenskraft. Sondern als schlichte Meldung aus einem Körper, der bereits weitergezogen ist, während man selbst noch am Schrank steht und nachdenkt.
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