Startseite » Plötzlich dazwischen
A person walking on a cobblestone street outside a bookstore and café with warm indoor lighting

In einer Fußgängerzone bleibt jemand vor einem Schaufenster stehen, und ich brauche zwei Sekunden, bis ich verstehe, dass dieser Jemand ich bin. Im Glas steht ein Mann mittleren Alters, dunkle Jacke, Hand in der Hosentasche, Kopf leicht zur Seite. Schultern, Hüften, alles passt zu mir. Nur der Mann darin ist mir noch nicht ganz vertraut.

Hinter mir läuft der Samstagnachmittag weiter. Eltern mit Kinderwagen, ein Junge, der eine Eistüte hochhält, ein paar Senioren, die sich ihren Weg durch die Menge schieben. Keiner bleibt mit mir stehen. Keiner fragt sich, was der Mann in der dunklen Jacke vor diesem Schaufenster betrachtet. Sie gehen vorbei, ich stehe.

Vor zwei Jahren wäre ich vor diesem Schaufenster nicht stehen geblieben. Schaufenster waren keine Orte zum Verweilen, sondern Kontrollposten. Ein Seitenblick im Vorbeigehen, Bauch rein, weiter. Das eigene Spiegelbild war nichts, was man freiwillig betrachtete. Also ging man weiter und ließ den Mann im Glas mit dem zu eng gewordenen Hemd allein.

Jetzt bleibe ich stehen, ohne Bauch und ohne Hast. Und merke etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Wer dick war, wurde gesehen. Manchmal halb, manchmal ganz, manchmal mit der Verachtung, die sich nicht ganz verbarg. Solche Blicke waren nichts Angenehmes. Aber sie waren ein Beleg, dass man da ist und Raum einnimmt. Fallen sie weg, geht der Beleg mit. Davon hatte mir vorher keiner erzählt.

Ein paar Schritte weiter ist das Schaufenster eine Drogerie, billiges Licht, ein Aufsteller mit Sonnencreme. Im Glas läuft der Mann mit, der mich diesmal nicht überrascht. Ein Pärchen geht hinter mir vorbei, ohne Bogen. Das ist neu. Vor zwei Jahren hätten sie einen gemacht, ohne nachzudenken. Nicht mehr ausgewichen zu werden, ist Erleichterung. Es bedeutet aber auch, nicht mehr registriert zu werden.

Übung braucht es, einfach da zu sein. Menschen, die nie übergewichtig waren, halten das wahrscheinlich für selbstverständlich. Sie gehen durch die Fußgängerzone, keiner schaut, das ist normal. Mit dieser Art von Anonymität sind sie aufgewachsen. Ich nicht. Mein Alltag war jahrelang ein anderer. Im Bus blieb der Sitz neben mir frei. Der Sicherheitsgurt im Flugzeug brauchte eine Verlängerung. Kellner schauten den Teller an, nicht mich. Das war keine angenehme Form von Aufmerksamkeit. Aber sie war Aufmerksamkeit. Und etwas an ihr war vertraut.

Nach einer Minute gehe ich weiter. Das Schaufenster bleibt zurück, keiner merkt es, weder mein Stehen noch mein Gehen. Das ist okay. Lernen muss man’s erst. Ein paar Meter weiter sehe ich mich im nächsten Glas, und diesmal erkenne ich mich gleich. Den Spiegel zu Hause habe ich mir antrainiert. Schaufenster trainiere ich noch.


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