Freitagabend, kurz nach sieben. Der Karton steht auf dem Küchentisch, noch warm. Salami, doppelt Käse, der Rand ein bisschen verbrannt. Kein Zufall. Kein Impuls. Die Pizza kommt freitags wie die Müllabfuhr dienstags. Sie steht im Kalender, auch wenn sie dort nicht steht.
Vor einem Jahr hätte ich das einen Rückfall genannt. Da war Freitagabend noch ein Schlachtfeld zwischen Vorsatz und Verlangen, und die Pizza der Feind, den man nach der Niederlage mit Selbstvorwürfen zudeckte. Irgendwann wurde sie ein Posten. Inventar. Wie die Packung Kekse im Schrank, die einmal im Monat aufgeht. Oder das zweite Brötchen am Sonntagmorgen, das niemand bestellt hat und das trotzdem auf dem Teller liegt.
Es gibt eine Sammlung davon. Die Schokolade nach dem Abendessen, immer dieselbe Sorte, immer dasselbe Quadrat, das bricht, wenn man es aus der Tafel drückt. Der Löffel Erdnussbutter, direkt aus dem Glas, im Stehen, mit dem Rücken zum Fenster, als würde jemand zuschauen. Das Stück Kuchen beim Sonntagskaffee, das eigentlich keins sein sollte und doch jede Woche da ist, verlässlich wie der Wetterbericht. Die Handvoll Chips vor dem Fernseher, die nie eine Handvoll bleibt, weil die Tüte ein eigenes Zeitgefühl hat.
Wenn ich diese Liste aufschreibe, sieht sie aus wie ein Warenbestand. Regal eins: Süßes. Regal zwei: Salziges. Regal drei: Kohlenhydrate, die nach zweiundzwanzig Uhr kommen. Alles ordentlich sortiert, alles vorhersehbar. Kein einziger Posten, der mich noch überrascht.
Irgendwann habe ich aufgehört, diese Dinge als Ausrutscher zu zählen. Nicht weil sie aufgehört hätten. Sondern weil das Wort nicht mehr passte. Ein Ausrutscher ist etwas Einmaliges, etwas Unvorhergesehenes — wie auf Glatteis treten. Aber wenn du jeden Freitag auf demselben Stück Eis landest, ist es kein Ausrutscher mehr. Es ist ein Termin.
Und Termine bewerte ich nicht. Die stehen im Bestand. Wie der Schreibtisch, der wackelt, oder der Wasserhahn, der tropft — Dinge, die dazugehören, weil das Leben kein Prospekt ist.
Was mich länger beschäftigt hat als jede Pizza: die Reue danach. Die hatte ein eigenes Gewicht. Schwerer als der Teig, schwerer als der Käse. Nach dem letzten Bissen kam nicht Zufriedenheit, sondern die Buchhaltung. Posten Genuss, Gegenposten Schuld. Eine doppelte Buchführung, die nie aufging, weil die Schuld immer größer verbucht wurde als der Gewinn. Sonntagabend saß ich dann vor der Kalorienbilanz der Woche und rechnete die Pizza gegen den Mittwochslauf auf. Als wäre mein Körper eine GmbH, die Quartalszahlen vorlegen muss.
Die Energie, die ins Bereuen floss, fehlte woanders. Für den Lauf am Samstagmorgen. Für den klaren Kopf beim Einkaufen. Für die Ruhe, abends einzuschlafen, ohne den Taschenrechner im Kopf laufen zu lassen.
Es gab Abende, da lag ich wach und rechnete im Dunkeln nach. Drei Stücke Pizza — waren das wirklich so viel, wie ich befürchtete? Hat der Spaziergang am Nachmittag etwas davon wettgemacht? Als ob es eine Gleichung gäbe, die aufgehen muss. Als ob mein Körper ein Konto wäre, das man am Monatsende ausgleicht. Reue ist ein teurer Posten. Und der Ertrag ist null.
Die Wende kam nicht als Entscheidung. Kein Morgen, an dem ich aufwachte und beschloss: Ab jetzt erlaube ich mir alles. Erlauben klingt nach Gnade, nach einem König, der dem Untertan den Fehltritt verzeiht. So war es nicht. Es war leiser. Eher wie eine Inventur, bei der du zum dritten Mal denselben Posten zählst und irgendwann aufhörst, dich darüber zu wundern, dass er da ist. Er ist da. Du notierst ihn. Du gehst weiter zum nächsten Regal.
Seitdem ich die Posten nicht mehr bekämpfe, sind manche von allein geschrumpft. Die Chipstüte hält jetzt zwei Abende. Der Kuchen am Sonntag ist dünner geworden, nicht weil ich es so plane, sondern weil das Stück ohne Drama weniger Platz braucht. Als hätte die Reue den Appetit größer gemacht, nicht das Essen.
Nicht-Bewerten ist nicht dasselbe wie Gleichgültigkeit. Die Pizza ist nicht egal. Sie schmeckt. Sie ist ein Ritual, sie gehört zum Freitagabend wie das Sofa und die Fernbedienung. Aber sie ist kein Urteil mehr über mich. Kein Gradmesser für Disziplin oder Versagen. Kein Beweisstück in einem Verfahren, das ich gegen mich selbst führe. Sie ist ein Karton auf dem Tisch, warm, mit verbranntem Rand.
Manchmal denke ich, die halbe Arbeit beim Abnehmen war gar nicht das Abnehmen. Sondern das Abtrainieren der Selbstbestrafung. Die Waage hat irgendwann nachgegeben. Das schlechte Gewissen war hartnäckiger. Das saß tiefer als jedes Kilo, und es ließ sich nicht weglaufen. Es musste von allein leiser werden, über Monate, nicht über Nacht. Kein Schalter, den man umlegt. Eher ein Geräusch, das man irgendwann nicht mehr hört, weil man aufgehört hat, darauf zu lauschen.
Freitagabend, kurz nach sieben. Der Karton steht auf dem Tisch. Morgen ist Samstag. Der Lauf ist um acht.
Entdecke mehr von Leicht gesagt!
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.