Neulich fragte mich jemand: „Was ist dein Zielgewicht?“ Gute Frage. Hätte ich eine Antwort haben sollen. Hatte ich aber nicht. Nicht, weil ich es vergessen hätte, sondern weil es nie eine gab. Keine Zahl, kein Datum, kein Versprechen an irgendwen.
Das irritiert Leute. Wer abnimmt, braucht doch ein Ziel. Einen Fixpunkt. Sonst weiß man ja nicht, wann man fertig ist. Ohne Zieleinlauf kein Jubel, ohne Jubel kein Sinn — so die Logik.
Stimmt. Weiß ich nicht, wann ich fertig bin. Bin ich auch nicht. Und da fängt es an.
Auf Baustellen gibt es einen Moment, der alles entscheidet: den Spatenstich. Nicht den Bauplan. Nicht die Baugenehmigung. Nicht die Bemusterung der Fliesen im dritten Anlauf. Den Spatenstich. Die meisten Häuser, die nie gebaut werden, scheitern nicht am Material. Sie scheitern daran, dass jemand den perfekten Plan wollte, bevor der erste Bagger rollte. Der Plan wurde immer besser. Das Grundstück blieb leer.
Beim Abnehmen ist das nicht anders. Wer sich ein starres Ziel setzt — 80 Kilo, bis Weihnachten, mit Fortschritt alle zwei Wochen — der kauft sich zwei Probleme ein, die er vorher nicht hatte. Erstens: Was, wenn ich es nicht schaffe? Zweitens: Was, wenn ich es schaffe und es sich anfühlt wie nichts? Beide lenken ab von dem, was eigentlich passieren müsste: anfangen.
Was mich bewegt hat, war kein Ziel. Es war ein Entschluss. Weniger wiegen. Mehr bewegen. In diese Richtung gehen, ohne die Adresse zu kennen. Kein Bauplan, aber eine Himmelsrichtung.
Das klingt unscharf, und das ist es auch. Aber Unschärfe ist kein Mangel, wenn die Alternative Stillstand ist. Wer eine Richtung hat, kann morgen anfangen. Wer ein Ziel hat, muss erst prüfen, ob es erreichbar ist, ob der Zeitplan stimmt, ob die Methode trägt. Bei dieser Prüfung bleiben erstaunlich viele stehen. Manche prüfen jahrelang.
Die Leute, die ich scheitern sah, waren selten die ohne Plan. Es waren die mit dem durchdachtesten Plan. Zielgewicht, Kalorienlimit, Trainingsfrequenz. Beim ersten Rückschlag brach nicht der Rückschlag sie, sondern der Abstand zwischen Ist und Soll. Die Lücke wurde zum Urteil. Wer keine Lücke definiert hat, weil er kein Soll kennt, der hat nur eine Frage: Geht es noch in die richtige Richtung? Meistens ja.
Das Fundament braucht nicht die finale Zimmerzahl. Es braucht eine Entscheidung: Wohnhaus. Kein Parkhaus, keine Fabrik. Das reicht, um den Bagger zu bestellen. Die Zimmer klären sich unterwegs. Die Fliesen erst recht.
Beruflich beobachte ich dasselbe Muster seit Jahren. Die Projekte, die funktionierten, hatten am Anfang selten einen genauen Endpunkt. Sie hatten eine Richtung und ein Team, das sich auf einen Kurs geeinigt hat, ohne jeden Meilenstein bis zur dritten Nachkommastelle durchzudeklinieren. Die Projekte, die an ihren Zieldefinitionen erstickten — an SMART-Kriterien, KPIs, Quartalsvorgaben — standen oft still, während alle beschäftigt aussahen.
Nicht weil Ziele schlecht wären. Sondern weil sie zu früh zu starr werden. Ein Ziel am Anfang einer Veränderung ist eine Hypothese. Wer es als Vertrag behandelt, gießt Beton, bevor er den Boden kennt.
Irgendwann habe ich aufgehört, mich für die fehlende Zahl zu entschuldigen. Wenn jemand fragt, sage ich: weniger als vorher, mehr als genug. Die Richtung stimmt.
Die Waage zeigt heute eine Zahl. Eine gute, soweit ich das beurteilen kann. Aber die war nie der Punkt.
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