Die Akte kennt mich besser als mein Hausarzt. Fünfzehn Jahre Befunde, Laborblätter, Überweisungen — alles abgeheftet, alles korrekt. Nur dass sie von einem anderen Menschen erzählt. Im Wartezimmer riecht es nach Desinfektionsmittel und alten Zeitschriften. Auf dem Tisch eine Ausgabe von irgendetwas mit Garten. Alles wie immer.
Die Sprechstundenhilfe ruft meinen Namen, schaut auf, schaut nochmal. Kurze Irritation, dann professionelles Lächeln. Sie kennt den Namen seit Jahren. Nur der Mensch dazu hat gewechselt. Auf der Praxiswaage stehe ich barfuß, Schuhe ordentlich daneben, als könnte ein Gramm den Unterschied machen. Gewohnheit aus einer Zeit, in der jedes Gramm eine Niederlage war. Die Zahl blinkt, die Helferin tippt sie ein, ohne etwas zu sagen. Aber ihre Augenbrauen sagen genug. In der Kartei steht eine andere Geschichte als die, die gerade vor ihr auf Socken steht.
Dann das Sprechzimmer. Mein Hausarzt blättert durch Befunde, scrollt am Bildschirm, nickt. Blutbild gut. Leberwerte runter. Langzeitwerte im Rahmen. Und dann kommt er, der Satz: „Weiter so.“ Derselbe Satz wie vor drei Jahren, als ich noch hundertsechzig Kilo wog und die Werte in eine Richtung wanderten, über die keiner lachen konnte. Weiter so. Zwei Worte, die für den Abgrund gelten und für die Rettung. Als wäre die Distanz zwischen damals und jetzt eine Fußnote, kein Kapitel.
Es gibt in der medizinischen Verwaltung Codes für alles. Diagnosen haben Nummern, Therapien haben Ziffern, Überweisungen haben Formulare mit drei Durchschlägen. E66.0 — Adipositas durch übermäßige Kalorienzufuhr. Die Nummer stand in meiner Akte, seit ich sie das erste Mal quergelesen habe, kopfüber auf dem Schreibtisch des Arztes, während der telefonierte. Sie steht vermutlich immer noch da. Nicht weil sie falsch wäre — sie war jahrelang richtig. Aber Akten werden fortgeschrieben, nicht umgeschrieben. Das ist ihre Natur. Irgendwo zwischen Seite vier und Seite sieben existiert eine Version von mir, die sich nicht aktualisiert hat. Die Akte kennt keine Verjährung. Sie kennt Einträge, Verlaufsnotizen, Querverweise. Sie kennt das ICD-System und den Abrechnungsschlüssel. Was sie nicht kennt: einen Stempel, auf dem steht — erledigt.
Eigentlich absurd. Mein Arzt hat mir vor Jahren gesagt, ich solle abnehmen. Er hatte recht. Er hat Broschüren mitgegeben, Ernährungsberatung empfohlen, einmal sogar ein Reha-Programm ins Spiel gebracht. Das System hat getan, was Systeme tun: gewarnt, verwiesen, dokumentiert. Alarm ausgelöst. Befund geschrieben. Nur für den Fall, dass der Patient den Alarm selbst abstellt, existiert kein Protokoll. Keine Rubrik „Ziel erreicht“. Kein Feld zum Abhaken. Die Verwaltung hat einen Eingang für das Problem und einen Verlauf für die Verschlechterung, aber keinen Ausgang für die Lösung. Als hätte jemand beim Bauplan der Behörde die Tür nach draußen vergessen.
Dann, beim Blick auf den Bildschirm: „Bei Ihrer Vorgeschichte sollten wir den Langzeitzucker im Auge behalten.“ Meine Vorgeschichte. Als wäre ich ein Gebäude mit Denkmalschutz — was einmal drinstand, steht für immer im Grundbuch.
Irgendwann habe ich begriffen, dass die Arztpraxis ein Spiegel mit Latenz ist. Was ich heute bin, wird sie in zwei Jahren abbilden. Vielleicht in dreien. Die Akte hinkt hinterher wie eine Behörde, die auf einen Antrag antwortet, den man längst vergessen hat. Die Befunde werden besser, die Kurven flacher, die Warnhinweise weniger — aber das Deckblatt bleibt. Patient, männlich, Jahrgang, Vorgeschichte: Adipositas. Das ist die Überschrift. Und Überschriften ändert man nicht einfach, auch wenn der Text darunter ein anderer geworden ist.
Es hat gedauert, bis ich das nicht mehr persönlich genommen habe. Nicht aus Gelassenheit. Sondern weil ich verstanden habe: Der Arzt behandelt die Akte, nicht den Menschen. Nicht aus Bosheit. Aus System. Die Akte ist sein Werkzeug, und Werkzeuge haben kein Gedächtnis für das, was zwischen den Zeilen passiert ist.
Beim letzten Besuch hat die Sprechstundenhilfe etwas gesagt. Beiläufig, zwischen Terminzettel und Verabschiedung: „Mann, Sie sehen ja gut aus.“ Kein Code. Keine Ziffer. Kein Formular. Nur ein Satz, der in keiner Akte steht und trotzdem mehr wiegt als alles, was darin steht.
Nächster Termin in sechs Monaten. Gleicher Name. Gleiche Kartei. Die Akte ist etwas dünner geworden. Und ich auch.
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