Startseite » Die Hauptstadt ist umgezogen
Hand pointing at restaurant menu on wooden table with drinks and candle

Der Kellner bringt die Speisekarte und legt sie zwischen meine Hände. Sechs Seiten, abgegriffene Ecken, das schlecht ausgeleuchtete Lichtbild eines Burgers, dessen Pommesbeilage älter scheinen als das Foto selbst. Aufgeschlagen liegt sie da wie ein gefalteter Stadtplan. Auf der ersten Seite die großen Klassiker: Schnitzel mit Pommes, Carbonara, Cordon bleu. Vertraute Topographie. Nur dass der Norden nicht mehr da ist, wo er früher war.

Gewöhnlicherweise war oben links die Hauptstadt. Schnitzel mit Pommes – am besten mit Mayo-Zentrum, dorthin führten alle Straßen, da ging ich hin, ohne zu lesen. Mittlerweile ist die Hauptstadt nahezu verlassen. Jetzt geht’s öftermal in den Süden, in den Streifen „Beilagen und Salate“. Dort: ein Salat mit gebratener Pute. Ein gegrillter Fisch ohne Sauce. Eine Suppe, die nicht aus der Tüte kommt. Was lange undenkbar war, ein unbekanntes Land mit drei Petersilien-Zeichen am Rand, ist ein beliebtes Reiseziel geworden. Die Hauptstadt ist umgezogen, ohne dass jemand mich vorher gefragt hätte.

Manchmal weiß ich kurz nicht, welche Karte gerade gilt. Die Hand wandert zur Speisekarte, der Finger geht nach oben links, zur alten City-of-Pleasure— und merkt unterwegs, dass die Adresse seit Monaten leersteht. Korrigiert sich, blättert weiter. Es ist nicht Reue. Eher die Verlegenheit eines Reisenden, der mit altem Stadtplan am verlassenen Bahnhof aussteigt. Die neue Hauptstadt liegt im Kleingedruckten, mit anderen Straßennamen, anderen Tempolimits. Das Lernen läuft weiter, jeden Abend ein Stück.

Der Kellner kommt wieder. Er empfiehlt, ungefragt, das Schnitzel. Hausgemacht, paniert, mit zwei Pommes-Sorten zur Auswahl. Er meint es gut. Er liest aus seiner Karte vor, und in seiner Welt Essen Typen wie ich einfach gerne mal ein Schnitzel. Fair.
Die Tischnachbarn lesen dieselbe Karte. Drei Männer in meinem Alter am Vierertisch nebenan: Brotkorb, Schnitzel, noch ein Bier. Eine Frau zwei Tische weiter blättert routiniert auf Seite eins und bestellt die Carbonara, ohne hinzusehen. Nichts Falsches daran. Sie navigieren in dem Land, das sie kennen. Nicken zurück zum Kellner. „Lieb gemeint, aber heute der Salat.“ Er notiert es ohne Naserümpfen. Ehrlich gesagt, vermute ich, dass es ihm schlichtweg scheißegal ist. Zurecht.

Bestellt ist bestellt. Was kommt, kommt — manchmal großartig, manchmal nur in Ordnung, manchmal vermisse ich das Schnitzel, ohne es zu bedauern. Manchmal gönne ich mir den Ausflug in die alte Welt. Meine innere Navigation zum Thema Essen hat sich irgendwann zwischen Kilo fünfzehn und Kilo fünfunddreißig neu sortiert, ohne dass mich jemand gefragt hat. Ob ich heute besser navigiere oder nur eine andere Karte lese, weiß ich nicht. Die Speisekarte liegt geschlossen vor mir. Draußen ist es dunkel geworden, und drinnen riecht es nach Knoblauch und nach Brot, das andere Leute essen. Ich hoffe es schmeckt Ihnen gut.


Entdecke mehr von Leicht gesagt!

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Related Posts

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.