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Man dancing among crowd, ignored, grounded, static foreground

Die Hochzeit fängt ohne mich an. Die Garderobe nimmt mein Sakko, der Saal über der alten Werkshalle wartet hinter einer Doppeltür mit Plastikgriffen, dahinter spielt schon eine Band – noch zurückhaltend im Ton und fein in der Songauswahl, zwei Gitarren, ein Schlagzeug, jemand singt von Liebe in einem Tonfall, als hätte er kürzlich tragische Erfahrungen auf diesem Gebiet gemacht. Auf den Tischen: weiße Decken, Tischkarten in Schreibschrift, ein Programm, in dem mein Name zurecht nicht vorkommt. Das ist ein Theaterabend, bei dem ich Statist bin. Das Brautpaar hat die Hauptrolle, der Trauzeuge die zweite, ich sitze in der vierten Reihe einer Welt, die heute nicht meine ist. Die noch die meine war.

In der dritten Stunde schiebt die Band die Lautstärke nach oben. Der Ton pfeift auf die vornehme Zurückhaltung. Die Tanzfläche füllt sich, wie sich Tanzflächen füllen, in Wellen, und plötzlich stehe ich darauf. „People are People“. Niemand hat mich aufgefordert. Die Beine waren schneller als der Kopf, und der Kopf, der sonst immer mitkommen will, hat sich verspätet. Jetzt steht er hinten an der Bar und ruft, ich solle vorsichtig sein, schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Ich will ihn nicht hören. Die Band spielt einen Song, den ich liebe, ich bewege mich, mein Hemd bewegt sich mit. Eine kleine Premiere ist im Gange, ohne Programmzettel, ohne Souffleur.

Vor zwei Jahren wäre ich nicht hier inmitten ausgelassener Tanz-Enthusiasten. Vor zwei Jahren hätte ich am Stehtisch gelehnt, mit dem dritten Bier in der Hand, dem vierten Bier im Gedanken und einem Blick für die anderen, die tanzen. Tanzen war ein Sport, für den ich keine Lizenz hatte. Atem zu kurz, Hemd zu eng, Schweiß zu schnell, der Körper benötigte für jeden Schritt einen guten Grund und zeitnahe Erholung. Damals war die Tanzfläche eine Bühne, auf der ich nichts zu suchen hatte, weder als Hauptdarsteller noch als Statist. Mein Platz war im Publikum. Das Theaterabonnement war bezahlt, aber ich kam nur selten zur Vorstellung. Bei der Hochzeit eines Cousins, vor sechs oder sieben Jahren, tanzte ich zwei Lieder, das eine schnell, das zweite langsam, und ging dann vom Parkett, als wäre der Vorhang gefallen. Den Rest des Abends saß ich am Tisch und nickte den Vorübergehenden mit einem Lächeln zu, das ich aufgesetzt hatte, bevor ich aus dem Haus war. „Killing in the name of“, konnte ich auch vom Sitzplatz aus Grölen. So habe ich Feiern überstanden, jahrelang.

Wer früh sitzt, muss später nicht aufstehen, das war die Logik.

Jetzt steht der Statist also unter den Scheinwerfern,. Der Saal ist normal beleuchtet, keine Kritik morgen in der Zeitung. Keine tratschende Menschenansammlungen, die darüber debattieren was der dicke Mann da wohl macht. Keine Kinder, die von empörten Eltern die Augen zugehalten bekommen und vom Ort des Grauens weggeschleift werden. Die anderen tanzen ihre eigenen Stücke, die Braut wird von ihren Freundinnen gefeiert, der Trauzeuge probiert eine Drehung, wie einst John Travolta und scheitert mehr oder weniger würdevoll, jemand bringt Sekt, der über das Hemd läuft. Mein Solo läuft mitten in dieser Vielzahl, und das Komische, das mir am nächsten Morgen einfallen wird, ist, dass es niemand zum Thema gemacht hat. Ich fiel nicht auf. Alles war normal.

Dafür alleine hat es sich schon gelohnt. All die Mühen. All die Sorgen. Jetzt ist es endlich soweit: Willkommen in der neuen Normalität, Heiko.


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