Auf der Schleife am Fluss, irgendwo zwischen Kilometer sechs und sieben, fällt mir auf, dass keiner mehr redet. Atem geht normal und der Belastung angemessen, die Schuhe machen das gleiche kleine Patschen wie immer – als würde jeden Moment Linking Park „Given Up!“ anstimmen, von der Brücke her brummt ein LKW. Der Kopf ist da, aber er hat nichts zu sagen. Kein Kommentar zur Pace, keine Frage zum Atemtakt, keine Verhandlung über eine Abkürzung. Als hätte jemand das Studio dichtgemacht und die Tür von außen verriegelt.
Das war nicht immer so. Auf den ersten paar hundert Läufen waren drei Sender gleichzeitig auf Empfang. Ein Reporter, der ab Kilometer zwei meldete, dass die Wade ziehe und die Lunge – aus Protest – wahrscheinlich gleich kündige. Ein Verhandler, der ab Kilometer drei die erste Heimkehrroute zur Abstimmung stellte und gut begründen konnte, warum heute eh kein Wetter sei und überhaupt das ganze Ding mit dem Laufen ohnehin zum Scheitern verurteilt wäre. Eine dritte Stimme, leiser, aus der Körperbild-Abteilung, die mich freundlich daran erinnerte, dass das alles alleine schon aus rein ästhetischen Gründen grober unfung sei, dass die Hose ja immer noch klemme, der Körper immer noch gegen die Bewegung schwabbelt, also wozu der Aufwand? Wozu? Das Sendestudio war nie leer. Es war überbesetzt, mit drei Moderatoren – und zahllosen Experten, die durcheinander redeten, und einem Praktikanten, der versuchte, die Pegel halbwegs in den Griff zu bekommen.
Eigentlich ist es kein Wunder, dass die Sendung eingestellt wurde. Wer fünfzig Kilo weniger trägt, hat keine Wadenkündigung mehr zu vermelden. Der Reporter sitzt dann da mit seinem Mikrofon und merkt, dass die Story ausgegangen ist. Er kann ja schlecht jede Woche den gleichen Beitrag aus dem Archiv ziehen. Irgendwann hat er die Akte zugeklappt und ist in die Mittagspause gegangen, aus der er nicht mehr zurückkommt. Gottseidank. Die Verhandlungen – es endlich gut sein zu lassen – sind noch da, aber viel leiser und lassen mich eher Schmunzeln, wenn der Gedanke nach 3 Kilometer aufkommt, das heute sowieso kein guter Tag sein, laufe ich zu 99% noch weitere 10 Kilometer. Ich weiß das. Deswegen muss ich dann immer wieder schmunzeln. Die Stimme aus der Körperbild-Abteilung sitzt noch fest im Sattel. Sie ist die hartnäckigste, aber sie redet inzwischen mit sich selbst, weil ihre Argumente keinen Anschluss mehr finden und kann nur noch wenig beeindrucken. Wer schwer läuft und 15 Jahre Adipös war, trägt so manchen „negativ Talk“ mit sich herum. Schließlich hat man ja gelernt, womit man sich gut betäuben kann, damit man bloß nicht anfängt etwas drastisch zu ändern. „Die ganze Mühe wird eh nichts bringen!“, war der abgenudelte Sommerhit der letzten Jahre. Wenn es dann ruhiger wird, wirkt es erst etwas befremdlich, bevor man es genießt.
Inzwischen ist das Fremd-Sein abgeklungen, ohne ganz wegzugehen. Was an die Stelle getreten ist, ist nicht viel. Eine Amsel, die in einem Vorgarten die ganze Zeit (Hin- und Rückweg) gelangweilt auf demselben Zweig sitzt. Ein Gedanke vom Frühstück, der sich jetzt erst zu Ende denkt. Die Beobachtung, dass die Hose, die ich anhabe, eigentlich schon zu groß ist, aber dass ich mich noch nicht entschieden habe, was ich damit mache. Kein Programm, keine Sendung. Stattdessen das, was mit wirklich beschäftigt, oder amüsiert, oder neugierig macht. Richtige Funktille kehrt gerne zwischen dem vierten und achten Kilometer ein. Dann ist alles weißen Rauschen. Ich liebe es. Auch wenn ich mich dadurch manchmal verlaufe.
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