Startseite » Keine Urkunde nötig
Glass trophy with a large circular crack on a dark wooden surface

Sie kommt aus dem Konferenzraum, sieht mich auf dem Flur und bleibt stehen. Wir kennen uns vom Sehen, ein paar gemeinsame Projekte, das übliche Höflichkeitsmuster. „Wahnsinn“, sagt sie, „du siehst klasse aus. Was hast du gemacht?“ Ich nicke, sage das Übliche. Ernährung, Bewegung, ein bisschen Geduld. Die Antwort dauert vier Sekunden. Sie nickt zurück, lacht, geht zum Aufzug. Der Glückwunsch ist abgegeben, der Vorgang ist abgeschlossen. Auf dem Flur bleibe ich stehen, einen Moment länger, als es höflich wäre.

Was sie überreicht hat, kommt nicht dort an, wo drei Jahre lang gearbeitet wurde. Es bleibt ein Stockwerk höher liegen, irgendwo zwischen Schulter und Schlüsselbein, in der Schicht, die fürs Lächeln zuständig ist. Die Schicht darunter, die jeden Morgen entscheidet, ob der Toast mit Marmelade oder ohne, die jeden Abend rechnet, ob noch Platz ist für ein Glas Wein, hat das Klopfen, das Lob, gar nicht gehört. Das passiert immer wieder. Es kommt ein Lob und keiner ist da, um es anzunehmen. Das ist mit dem Schwager auf der Geburtstagsfeier so, mit der Tante am Telefon, mit dem alten Studienfreund auf der Straße, der ein Selfie machen will und mich vorher zweimal anschaut, ob er sich täuscht. Vier Sekunden, fünf Sekunden, ein Daumen nach oben. Dann gehen alle wieder ihren Weg, und was bleibt, ist das Gefühl mich darüber freuen zu sollen, aber es merkwürdigerweise nicht zu können.

Manchmal denke ich, der Erfolg wäre eine Urkunde, ausgestellt von einem Standesamt, das es eigentlich nicht gibt. Aktenzeichen vergeben, Datum eingedruckt, Stempel feucht. Auf dem Formular eine Zeile für die Unterschrift, eine. Das Feld „Mitunterzeichner“ ist gestrichen, mit einem Schrägstrich, sauber gezogen. Die Sachbearbeiterin hat das schon vor Jahrzehnten so eingerichtet, weil sich das Amt frühzeitig klar geworden ist: Es gibt keine Zeugen für diesen Vorgang. Die Mitunterzeichner-Pflicht wurde abgeschafft, im Eilverfahren, weil die Schlange im Wartezimmer zu lang wurde und niemand passende Zeugen mitbrachte. Wer hätte es auch sein sollen — die Frau, die Kollegen, der Hausarzt? Sie waren da. Aber nicht an Tag 47, mit dem Pizzabestellkarte in der Hand und der Entscheidung, die Broschüre lieber wegzulegen und nichts zu bestellen. Schließlich ist noch Gurke da. Nicht an Tag 211, halb fünf morgens, beim ersten Schritt vor die Tür im Nieselregen, mit dem Hemd, das schon klamm ist, bevor es nass wird. Niemand stempelt Tag 47 ab, niemand Tag 211. Es gibt keinen Vordruck dafür, und das Amt hat aufgehört, einen zu entwerfen. Der Aktenkeller bleibt geschlossen. Das Original liegt beim Antragsteller, der es selbst aufbewahrt, ob er will oder nicht.

Eine Weile habe ich auf einen Mit-Unterzeichner gewartet. Familie, Freunde, irgendwer, der zum Notar geht und sagt: Ja, ich war dabei, ich beglaubige das. Es kommt niemand. Und es kommt deshalb niemand, weil das Feld nicht offen ist. Die Einsamkeit ist nicht das Defizit der Urkunde. Sie ist das Wasserzeichen. Wenn jemand mit-unterschreiben könnte, wäre die Urkunde keine Urkunde mehr — sie wäre eine Bescheinigung von dritter Seite, ein Zeugnis, eine Empfehlung. Sie wäre verteilt, und damit dünner. Das Amt hat das Feld nicht aus Boshaftigkeit gestrichen. Es hat es gestrichen, weil es konsequent war.

Eine Zeit lang, wäre es schön gewesen, Applaus zu bekommen, nicht das Gefühl zu haben jeden Mini-Fortschritt nur selbst festzustellen, und sich dann jedes mal zu Fragen ob man sich das einbildet oder ob es real ist, oder einfach mal Mut zugesprochen zu bekommen. Mittlerweile ist der Alltag da, ich bin nicht ganz am Ziel, aber gefühlt bin ich angekommen. Heute Abend wird Brot geschnitten, der Gürtel hält ohne Notlöcher, der Spiegel zeigt jemanden, dem niemand Glückwünsche aushändigen muss, damit er er weiß, dass alles gut ist.


Entdecke mehr von Leicht gesagt!

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Related Posts

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.